Marlene Dietrich

Marlene Dietrich wurde am 27. Dezember 1901 in Berlin geboren. Sie war eine deutsche Schauspielerin, Sängerin und galt als Hollywood- und Stilikone des frühen 20. Jahrhunderts. Als eine der wenigen deutschsprachigen Künstlerinnen gelang Marlene Dietrich auch großer internationaler Ruhm. Dem American Film Institute gehört sie zu den 10 größten Leinwandlegenden aller Zeiten.

Bundesarchiv, Bild 102-14627 /
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Der Blaue Engel ist mittlerweile ein echter Kultfilm. Während Marlene Dietrich und Regisseur Josef von Sternberg mit dem Film zu Weltstars aufstiegen, wird ein Name häufig vergessen: Karl Vollmoeller. Dabei schrieb dieser nicht nur das Drehbuch und hatte einen entscheiden Anteil am Erfolg des Films, er war es auch, der den Weg für die unvergleichliche Karriere Marlene Dietrichs ebnete.

In seiner Autobiografie schreibt Geza von Cziffra: "Beim Blauen Engel denkt man an die Beine von Marlene Dietrich und nicht an den Autor, Mirakel wird nicht mehr gespielt und die jüngere Generation kennt den Namen Vollmoeller überhaupt nicht mehr."

Tatsächlich war es Karl Vollmoeller, dem Dietrich die Hauptrolle im Blauen Engel zu verdanken hatte. Vollmoeller selbst schrieb Ende 1942:
"[…] Ich drängte Herrn von Sternberg die Hauptrolle mit Marlene Dietrich, einer bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten, jungen Schauspielerin zu besetzen, von der ich jedoch überzeugt war, daß sie das Potential besaß, ein wirklich großer Filmstar zu werden. Herr von Sternberg schloß sich bei derartigen Gelegenheiten stets meiner Meinung an, da ich mir den Ruf eines untrüglichen Talentsuchers erworben hatte".

Das war besonders erstaunlich, da Dietrich damals noch eine Unbekannte war. Frederik D. Tunnat bestätigte das in seiner Biografie über Karl Vollmoeller:
"Vollmoeller war es auch, der die damals noch weitgehend unbekannte, alles andere als einen Bühnen- oder Filmstar darstellende Marlene Dietrich für die Hauptrolle vorschlug und gegen umfangreiche Widerstände durchzusetzen verstand. Die Dietrich und Vollmoeller waren seit 1923 miteinander bekannt. Zwei Mal hatten sich ihre persönlichen und beruflichen Wege im Zusammenhang mit zwei Geliebten Vollmoellers, der Tänzerin und Schauspielerin Lena Amseln, sowie der Journalistin und Schauspielerin Ruth Landshoff, in Wien wie in Berlin gekreuzt. Vollmoeller hatte die Dietrich sowohl auf der Bühne als auch in ihren frühen Filmen live erlebt. Der Widerstand seitens des Regisseurs von Sternberg, des Stars und Intimfreundes Emil Jannings, selbst des Autoren Heinrich Mann, auch des Produzenten Erich Pommer sind überliefert."

Gestützt werden die Aussagen auch von Vollmoellers Lebensgefährtin. In Ihren Memoiren schreibt Ruth Landshoff:
"In Venedig waren sich endlich nach langen reiflichen Überlegungen der Drehbuchautor Vollmoeller und der Regisseur von Sternberg einig geworden ... In Berlin angekommen, schaute Joe ( = von Sternberg) sich Marlene in der Schiffer-Hollaender-Revue an, in der sie sang. Er war nicht besonders beeindruckt von der blonden jungen Person mit den ungeschickten Händen."

Es war für Vollmoeller also gar nicht so einfach Regisseur von Sternberg von Dietrich zu überzeugen – und dieser wollte Marlene Dietrich erst gar nicht zum Vorsprechen einladen. Er änderte seine Meinung jedoch und fand dann tatsächlich einen Draht zu seiner späteren Hauptdarstellerin. Vollmoeller hatte ganze Arbeit geleistet.
Im Laufe der Jahre (zwischen 1929 und 1941) wurde das Verhältnis zwischen Marlene Dietrich und ihrem Förderer Karl Vollmoeller immer enger. Dafür gibt es viele Indizien. Zum Beispiel tauchten beide gemeinsam beim Filmball 1929 in Berlin auf. Auch existieren Postkarten und Briefe, die Marlene Dietrich und Karl Vollmoeller austauschten. In einem Brief vom Herbst 1929 lädt Dietrich Vollmoeller beispielsweise zu einem Essen zu sich nach Hause ein – und bittet ihn ihr Dr. Klein von der Ufa-Fabrik vom Leibe zu halten. Sie wollte den deutschen Vertrag nicht erfüllen, da Hollywood rief. Mit mehr Geld und mehr Ruhm.
1933, nach der Machtergreifung der Nazis, zogen sich beide ins Ausland zurück. Marlene Dietrich lebte von nun an in Paris, gemeinsam mit Schriftsteller Erich Maria Remarque, ein enger Freund von Vollmoeller. Auch Vollmoeller besuchte Dietrich einige Male in Paris. Ein Besuch 1937 ist bekannt, nachdem sich Vollmoeller auch in Berlin für zwei Tage aufhielt. Dort besuchte er eine Theateraufführung und überbrachte der Mutter von Dietrich Geschenke und Briefe ihrer Tochter.

Während seines Berlin Besuches wurde Vollmoeller von Goebbels höchstpersönlich dazu gedrängt, sich deutlich für Nazideutschland zu entscheiden und sogar die Funktion des Kulturministers zu übernehmen. Auch Drohungen waren wohl im Spiel. Dieses Gespräch beängstigte Vollmoeller so sehr, dass er auch seinen Freunden Marlene Dietrich, Erich Maria Remarque und Josef Sternberg davon berichtete. Frederik D. Tunnat schrieb dazu:

"Offenbar aus Angst, Deutschland andernfalls nicht wieder verlassen zu dürfen, ließ sich Vollmoeller von Goebbels, als auch vom damaligen deutschen Botschafter in Paris dahin gehend instrumentalisieren, seine persönlichen Kontakte zu Marlene Dietrich zu nutzen, um sie auf einen Besuch Berlins, sowie einer Annäherung an das NS Regime im Auftrag Goebbels anzusprechen. Wie in seinem Fall, waren die Nazis im Fall der Dietrich noch erpichter darauf, diesen Weltstar, zu dem sie dank „Blauem Engel“ und ihrer folgenden Karriere, vornehmlich in Hollywood, geworden war, zu einer wie auch immer gearteten Form der Zusammenarbeit mit ihrem Regime zu bewegen. Zwar stand Marlene Dietrich dem Naziregime deutlich ablehnend gegenüber und hatte bisher alle diesbezüglichen Avancen ebenso standhaft zurückgewiesen, wie Karl Vollmoeller, doch auch Marlene Dietrich war wegen ihrer Mutter von ähnlichen Befürchtungen um ihre Verwandtschaft geplagt wie Vollmoeller wegen seiner Familie"

Kurz vor Kriegsausbruch, 1939, wanderten die Freunde ( Marlene Dietrich, Erich Maria Remarque und Josef Sternberg, Karl Vollmoeller) dann allesamt in die USA aus. Remarque führte Tagebuch und berichtete unter anderem über folgende Treffen:

  • 9. Mai 1940. Westwood, Los Angeles: Gestern abend rief Sternberg an. War mit dem Puma u. Vollmoeller im Little Hungary. Ob ich nicht kommen wolle. Ich sagte nein.
  • 13. Mai 1940, Gestern abend mit dem Puma zum Bublichki. Sternberg u. Vollmoeller. Wodka u. Preßkaviar. Starteten vergnügt.
  • 31. März 1941, Am 28. mittags Treatment. Abends zu Reisch. Mit Vollmoeller, Paul Czinner, Alfred Neumann u. Frau […]
  • 16. April 1941, Montag abend Dinner bei Elsie. Sehr hübsch. Saß mit Barbara Hutton, die entzückend war, u. der schönen Jean Feldman. Gegen zwölf aufgebrochen. Zu Billy Zietz. Ein paar Leute u. Vollmoeller.
  • 29. Mai 1941, Querer Abend gestern. Karten gelegt wie eine alte Jungfer. Heute Sternberg zum Geburtstag Brief u. Schnaps. Freute sich. Mit ihm bei Romanoff gefrühstückt. Vollmoeller. Er erzählte, er habe den Film des Pumas mit Gabin u. Hubert gesehen. Ewiger Begleiter.

Dann wurde es etwas unschön für Vollmoeller. 31.12.1941 wurde er als Nazisympathisant verunglimpft und Leute begannen hässliche Geschichten über ihn zu erzählen. Selbst Marlene Dietrich soll ihren Teil dazu beigetragen haben, wie es Billly Wilder in seiner Autobiografie schreibt:

"Nach einer Version der Legende (so hat Marlene Dietrich sie selbst erzählt) soll auch Dr. Karl Vollmoeller ein diplomatischer Bote der Nazis gewesen sein, jener Vollmoeller, der Heinrich Manns "Professor Unrat" in Sternbergs Auftrag und mit Sternbergs Intentionen zum Drehbuch "Der blaue Engel" umgeschrieben hatte. Er gehörte zu den dem "Dritten Reich" nahe stehenden Deutschen in Hollywood, einer Art kulturellen fünften Kolonne. Vollmoeller nun soll Marlene erzählt haben, wie sehr "der Führer" ihre Filme liebe, Abend für Abend würde er sie sich in seinem Haus in Berchtesgaden anschauen und denken: Sie gehöre doch nach Deutschland. Sollte sie wiederkehren wollen, würde man in Berlin für sie rote Teppiche ausrollen, vom Flughafen Tempelhof bis zur Reichskanzlei, der Führer, das deutsche Volk, die Ufa würden sie mit offenen Armen aufnehmen. Natürlich klingt das nach Märchen, und ganz so wird die Geschichte auch nicht gelaufen sein. Dennoch - sie lieferte der Marlene Dietrich, immer wenn sie sie zum Besten gab, auf einer Hollywood-Feier erzählte, eine ihrer schönsten Pointen."

Das überrascht, vor allem wenn man bedenkt, was Marlene Dietrich Vollmoeller alles zu verdanken hatte. Es ist eine traurige Episode und ein erschreckendes Beispiel von Undankbarkeit gegenüber dem Mann, der die Schauspielerin jahrelang förderte und zum weltweiten Ruhm verhalf – und alles andere als ein Nazisympathisant war. Für Vollmoeller nahm das Leben daraufhin eine dramatische Wendung. Das bestätigte auch Carl Zuckmayer, der seine Gedanken folgendermaßen niederschrieb: „Karl Vollmoeller, der nach einer irrtümlichen Sistierung als angeblicher Nazi (er war nichts dergleichen) und einer brutalen Haft in kalifornischen Gefängnissen in New York ein zurückgezogenes Leben führte - gesundheitlich und seelisch gebrochen”.
Konnte es noch schlimmer kommen? Es konnte. Denn nachdem sich Karl Vollmoeller zurückgezogen hatte, behaupteten seine ehemaligen Kollegen, Carl Zuckmayer und Josef von Sternberg, plötzlich beide (und unabhängig voneinander) das Drehbuch für den Blauen Engel geschrieben zu haben. Vollmoeller? Der habe damit nichts zu tun. Das zeigt: Ruhm verändert die Menschen tatsächlich.

Auch heute noch gibt es glücklicherweise genügend Unterlagen, die das Gegenteil beweisen. Viele davon kommen sogar von Vollmoeller selbst und sprechen eine deutliche Sprache:
"Kunst heißt: Weglassen! Ich behaupte, diese Definition stammt von mir. Aber es gibt Maler, die etwas Ähnliches von Liebermann gehört haben wollen. Einerlei. Ich streite nie. Bleibt die Frage, ob der Film von heute überhaupt Kunst ist. Mir scheint, es genügt, dass er die Absicht hat, eine zu werden. Jede gestaltete Form menschlichen Ausdrucks, die geeignet ist, Menschen freudig oder schmerzlich zu erregen, ist Kunst oder will Kunst werden. Schlechte Kunst kommt immer vom »Zuviel«, nie vom »Zuwenig«. Jede neue Technik bringt mit sich die Verlockung zum Zuviel. So war es mit der Kamera, so jetzt mit dem Mikrophon. — Sobald nicht mehr alle Türen knarren, alle Schritte poltern, jeder Darsteller endlose Theatersätze labert, nähert sich der Tonfilm dem Bezirk der Kunst. Beim Blauen Engel haben wir alle versucht, diese Annäherung etwas zu beschleunigen — durch Weglassen.
Zum Weglassen freilich gehört Substanz. Die war beim Blauen Engel reichlich vorhanden. Es gab da von vornherein: den Roman von Heinrich Mann mit seinen zwei unvergeßlichen Figuren, dem Professor Unrat und der Künstlerin Fröhlich — es gab da: das größte und seltsamste Darsteller-Phänomen unserer Zeit, Emil Jannings — eine einzigartige Frau, Marlene Dietrich, und einen einzigartigen (nämlich produktiven) Producer, Erich Pommer. Es gab da Zuckmayer, unseren erfolgfröhlichen Freund und Bühnendichter, und einen ganz seltenen Künstler des Filmbuchs, Robert Liebmann. Embarras de richesse!
Man versteht, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als mich aufs Weglassen zu verlegen. (In Hollywood heißt man dann »General editor«.)
Es gab da — last not least — Josef von Sternberg. Ihm hatte ich in ähnlicher Eigenschaft bei seinem ersten englischen Tonfilm assistiert. Pommer, Jannings und mir gelang es, ihn herüberzuholen. Josef von Sternberg, mit Filmband und Kamera in härtster Arbeit drüben aufgewachsen, voll von europäischen Sehnsüchten und aller Kunst tief verbunden, in Hollywood selbst lange verkannt, schlug plötzlich vor vier Jahren als Regisseur durch, im Augenblick, wo er das Geheimnis der äußersten Beschränkung erkannte: Underworld. Das gleiche Prinzip auf seinen ersten Sprechfilm übertragen, schuf einen neuen Standard für den amerikanischen Filmdialog: Thunderbolt. So paradox es klingt: Der Hauptgewinn des Sprechfilms ist die Möglichkeit, Schweigen auszudrücken. Dem »stummen« Film fehlte die Stille als Kunstmittel, weil alles still war. Im Blauen Engel ist, glaube ich, einiges von diesen neuen Möglichkeiten zu spüren. Ob meine Mitautoren den vielen schönen Dialogsätzen nachtrauern? Ich weiß es nicht. Ich bin ihnen bei den Aufnahmen nie mehr begegnet. — Aber Emil Jannings' bestürzten Ausdruck werde ich nie vergessen, wie ihm Satz um Satz demoliert, Wort auf Wort verschlagen und weggerissen wurde ... bis sein Genie begriff, worum es ging und um wie viel stärker das seltene, wesentliche Wort in der bildhaft vorwärts getriebenen Handlung stand. Labern dürfen allenfalls die kleinen Leute. Emil aber ward im Blauen Engel zum größten aller Weglasser."

Bei allem Erfolg des Blauen Engels und seiner Hauptdarstellerin sollte der Name Karl Vollmoeller also keineswegs vergessen werden. Ohne Vollmoeller hätte es den Film wohl nie gegeben und es darf zumindest bezweifelt werden, ob die Karriere von Marlene Dietrich ohne dem Blauen Engel ähnlich erfolgreich verlaufen wäre.